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Montessori Pädagogik

Montessori – ohne Noten zum Abitur?

16 May, 2023

Montessori – ohne Noten zum Abitur?

Bei Montessori denken viele Menschen eher an Kleinkinder, die um einen Rosa Turm herumkrabbeln als an Jugendliche, die auf das Abitur büffeln. Steht Montessori nicht für ein Miteinander statt des Gegeneinanders, das oft im Kampf um die besten Abiturnoten entsteht? Ein großer Vorteil von Montessori-Schulen ist es ja, dass nicht schon nach der 4. Klasse selektiert wird wie an staatlichen Schulen. Bis zur 9. bzw. 10. Klasse können alle Kinder gemeinsam lernen, egal ob sie ein Handicap oder eine Hochbegabung haben. 

Aber auch nach der 10. Klasse gibt es weiterführende Montessorischulen, welche die Oberstufe von der 11. bis zur 13. Klasse umfassen und bis zum Abitur führen. 

Ein erfolgreiches Beispiel dafür ist die MOS, die Montessori Fachoberschule in München. Sie ist eine staatlich anerkannte Privatschule, die hauptsächlich SchülerInnen von Montessori-Mittelschulen annimmt. Sowohl das Fachabitur nach der 12. Klasse als auch das allgemeine Abitur werden extern an einer staatlichen Schule abgelegt. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die SchülerInnen nicht benotet. Wie funktioniert dieser Spagat der didaktischen Methoden?

Die MOS beweist, dass Montessoripädagogik nicht mit dem Eintritt in eine höhere Schule enden muss. Das wäre auch erstaunlich, denn Maria Montessori hat immer den ganzen Menschen im Blick gehabt. Auch wenn ihr didaktisches Material vor allem für die Grundstufe konzipiert ist, so geht doch ihr Menschenbild über die frühe Entwicklung hinaus. Auch an einer Fachoberschule gelten Respekt, Gemeinschaft und ein SchülerInnen/LehrerInnen-Verhältnis auf Augenhöhe als allgemein verbindliche und geschätzte Werte, die einen positiven Schulalltag gestalten.

Was aber sagen die SchülerInnen der MOS selbst über ihre Schule? Oft sprechen sie von ihrer Schule als einer erweiterten Familie, wo Lehrer nicht nur Vorbilder, sondern auch Freunde sein können. 

Die Schülerin Maria S. berichtet der Süddeutschen Zeitung:

Die MOS war die erste Schule, wo ich nicht mehr gezwungen wurde in der Form “Lehrer gegen Schüler” und “schlechte Schüler gegen gute Schüler” zu denken. Es gab nicht mehr diese künstliche, frustrierende und durch Frust erzeugte Trennung; und Lernen wurde zu einem gemeinschaftlichen, positiven Erlebnis. Es war einfach “Menschen mit Menschen“. 

An der MOS können Schüler zwischen vier verschiedenen Fachrichtungen wählen: Agrarwirtschaft, Bio- und Umwelttechnologie, Gestaltung, Sozialwesen oder Wirtschaft und Verwaltung.

Ende der 11. Klasse findet ein Vor-Abitur statt, um die SchülerInnen mit der Prüfungssituation im Fachabitur Ende der 12. Klasse vertraut zu machen. Dabei wird der gesamte Stoff der 11. Klasse geprüft, um kurzfristiges und damit wenig nachhaltiges Lernen zu vermeiden. 

Statt Noten gibt es Leistungsrückmeldungen in Form eines Feedbacks. SchülerInnen erleben so keinen Druck und lernen trotzdem, die eigene Leistung realistisch einzuschätzen. Keine Noten bedeutet auch keine unfreiwillige Wiederholung einer Klasse. Wer sich allerdings noch nicht fit fühlt, kann von sich aus wiederholen.

Auch für das Abitur selbst gibt es eine freiwillige Prüfungssimulation, die von den meisten SchülerInnen als sehr hilfreich erlebt wird.

Die Abschlussprüfungen werden dann extern von staatlichen Schulen vorgenommen. Nicht selten sind die ersten Noten, die Montessori-SchülerInnen hier bekommen, durchaus gute Noten.

Auch im Rückblick sprechen ehemalige Montessori-SchülerInnen überwiegend positiv von ihren Schulen. Besonders die Erziehung zur Selbständigkeit, die Wertschätzung als Grundhaltung und der große schöpferische Freiraum werden immer wieder als Pluspunkte genannt.

Nicht zufällig sind viele bekannte Persönlichkeiten ehemalige Montessori-SchülerInnen: 

Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, der Maler Friedensreich Hundertwasser, der Schriftsteller und Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez, die englischen Prinzen William und Harry, um nur einige zu nennen.

Der Wiener Gemeindebau von Friedensreich Hundertwasser

 

„Echte Hingabe an eine Sache ist nur in Freiheit möglich…“ 

 

sagt Maria Montessori und wenn man sieht, wie viele Schülerinnen und Schüler bis zum Abitur ganz ohne Noten und mit beeindruckender Eigeninitiative arbeiten, kann man nur einmal mehr die große Reformpädagogin für ihre Einsichten bewundern.

 

Autorin: Marie Laschitz Bildnachweis: Shutterstock/Portrait Image Asia/Mistervlad